Der Chli Windgällen im Kanton Uri steht schon ewig auf meiner To-do-Liste. Da die Orientierung im weglosen Schlussaufstieg anspruchsvoll ist, warte ich seit Langem auf den perfekten Tag.

20. August 2023
Heute nehme ich mir den Chli Windgällen vor. Mit der Bergbahn fahre ich hinauf nach Golzern. Von der Bergstation gehe ich wenige Meter dem breiten Weg entlang Richtung Golzernsee. Schon nach etwa 100 Metern biege ich ab und steige in endlosen Kehren hinauf nach Oberchäseren.
Der scheinbar nie endende Weg nach oben ist zwar etwas eintönig, doch erfreue ich mich an der üppigen Flora, die hier wunderbar blüht.

Über das Oberchäserenälpli steige ich dem Schwarz-Stöckli entlang höher, vorbei an Schafherden. In einem weiten Bogen nehme ich den Einstieg zum Gipfelaufbau des Chli Windgällen in Angriff.

Steinmännchen und Wegspuren leiten mich über Karstgelände zu Pt. 2581 und danach von Nordosten zum Ostgrat. Das Gelände wird zunehmend blockig und steiler. Auf dem Grat muss ich einige grössere Blöcke überwinden (Kletterstellen II). Eine dünne, etwa 8 Meter lange Reepschnur erleichtert hier den Durchstieg.

Bald entdecke ich den grossen Steinhaufen, der laut Routenbeschreibungen die anstehende Traversierung der etwas ausgesetzten Südflanke markiert. Ich folge einer Rippe, die zum „spitzen Stein“ führt – einem besonders auffälligen Steinmännchen.

Weiter bergauf über Stock und Stein verliere ich kurz die Orientierung. Unsicherheit macht sich breit. Ich sehe nur noch Geröllfelder, eines nach dem anderen. Ich werfe einen Blick auf die Karte und überlege, wo die Route am besten verläuft. Ich entscheide mich, meinem Gefühl zu vertrauen – es hat mich selten im Stich gelassen.

Soll ich umkehren? In diesem Gelände könnte ich völlig falsch sein, denn alles sieht gleich aus. Trotzdem gehe ich noch ein Stück weiter hinauf – vielleicht ist mein Gefühl ja doch richtig.

Und tatsächlich! Weit oben im Hang sehe ich ein grosses Steinmännchen. Von hier aus führen mehrere Routen zum Gipfelaufbau. Ich entscheide mich für die blockige Variante rechts, links wäre die schuttige erkennbar.
„Lieber blockig als schuttig“, sage ich mir.

Weiter geht es auf den Vorgipfel, wo eine kurze Passage mit Kletterstellen I–II zu überwinden ist. Bis zum Gipfelbuch wartet noch eine kleine Mutprobe: Der Grat wird zuletzt besonders schmal – Konzentration ist gefragt, denn ein falscher Schritt hätte fatale Folgen. Doch ich schaffe es – und stehe nun auf dem Gipfel. Was für ein grandioser Grat!

Die Aussicht ist unbeschreiblich: Der grosse Windgällen, das Maderanertal mit Hüfifirn und Tödi, der markante Bristen, die Walliser Giganten und die Berner Grössen in der Ferne, dazu die Spannörter und der Uri Rotstock – bis hin zum weiten Mittelland. Ich kann mich nicht sattsehen und geniesse die Nachwirkungen des Adrenalinschubs.

Der Abstieg erfolgt über die gleiche Route. Die etwas heikle Kletterstelle unterhalb des Steinmanns am Ostgrat umgehe ich jedoch über die Nordostflanke. Bei rund 2500 m quere ich zurück zum markierten Pfad, der zum Unteren Furggeli führt – und schliesslich gemütlich zur Seilbahn hinunter.
Schwierigkeiten:
Ab Pt. 2581 ist die Wegfindung anspruchsvoll, und die Vielzahl an Steinmännchen kann durchaus für Verwirrung sorgen. Am Gipfelaufbau trifft man bei guter Routenwahl auf leichte Kletterstellen (I–II). Ganz am Schluss sorgt der schmale Grat für viel „Luft unter den Sohlen“. Man muss sich bewusst sein: Hier bewegt man sich im hochalpinen Gelände.
Auf- und Abstieg Golzerenbahn – Pt. 2581 m ü. M.: T3
Auf- und Abstieg Pt. 2581 m ü. M. – Chli Windgällen: T5
Zeiten:
- Golzerenbahn – Pt. 2581 – Chli Windgällen: 5 Std.
- Chli Windgällen – Pt. 2581 – Golzerenbahn: 3 Std.
- Gesamtzeit: ca. 8 Std.
Höhenmeter:
Aufstieg: 1630 hm
Abstieg: 1630 hm