Der Brienzergrat in den Berner Alpen fasziniert mich schon immer. Die Tour vom Harder Kulm über das Augstmatthorn und weiter zum Blasenhubel bietet eine ideale Gelegenheit, etwas Brienzergrat-Luft zu schnuppern.

Die ersten Höhenmeter lege ich mit der Harderbahn zurück. Oben, in der Menschenmenge, schaue ich mir kurz das Nebelmeer an und gehe dann zügig zum Start der Tour.

Ab Harder Kulm folge ich dem Wegweiser „Augstmatthorn“ zunächst durch den Wald, immer moderat aufwärts. Beim Wegweiser „Harder“ verlasse ich kurz den offiziellen Weg und steige auf den ersten Gipfel des Tages, den Wannichnubel. Kurzer Aufenthalt am Gipfel, dann geht’s wieder zurück zum Wegweiser.

Über Wiesen geht es nun mehr oder weniger dem Grat entlang bis zum Punkt 1878. Relativ früh komme ich einmal vom Weg ab: Einer gut sichtbaren Spur, die jedoch einen sehr unaufgeräumten Eindruck macht, folge ich einige Meter in der Flanke. Immer mehr liegende Bäume versperren den Weg, die Spur wird schmaler und wilder. Das kann es nicht sein. Schnell stelle ich fest, dass der richtige Weg auf dem Grat verlaufen würde. Offenbar hätte ich früher links halten müssen. Durch einen kurzen Aufstieg in der Falllinie ist der Fehler schnell behoben. Interessanterweise bin ich nicht der Einzige, der hier falsch läuft – hinter mir kommen noch mehr Leute.

Weiter über Wiesengelände – die Waldgrenze ist nun auch erreicht. Der Weg wird steiler, und ich sehe zum ersten Mal den formschönen Gipfel der Suggiture. Am Gipfelgrat wird es immer steiler. Die letzten Meter sind schweisstreibend – und die Tiefblicke zum Brienzersee sind enorm.

Oben am Gipfel angekommen: Die Aussicht auf den Brienzersee und die Berner Alpen ist fantastisch.
Der grasbewachsene Grat ist hier schön schmal – ein wunderbar ausgesetzter Gipfel.

Weiter zum Augstmatthorn: Eine kurze Steilstufe geht es hinunter, ziemlich ausgesetzt, was das Kreuzen erschwert.
Ich sehe einige Personen, die Mühe haben im steil abfallenden Gelände.

Ich versuche zu helfen, merke aber schnell, dass sie sehr trittunsicher sind. Ich mache etwas Platz, damit sie gut kreuzen können, und rate ihnen, nicht nach unten zu schauen und zügig weiterzugehen. Wenig später haben sie die Schlüsselstelle geschafft. Ich gehe gemütlich weiter am Grat entlang zum Augstmatthorn.

Der weitere Verlauf des Brienzergrates sieht einladend aus – so einladend, dass ich nicht widerstehen kann und gleich weitergehe. Die Markierungen wechseln auf blau-weiss, also wird es alpiner. Zuerst folgt der Abstieg zum Wytlouwihorn, das unmittelbar unter dem Augstmatthorn liegt.

Die Schwierigkeit nimmt spürbar zu. Das Gelände ist sehr steil, stellenweise ausgesetzt, und ich muss etwas kraxeln.
In den Schattenhängen ist es noch feucht – hier ist Vorsicht angesagt.

Der folgende Gratabschnitt ist mit Ketten gesichert – zum Glück, denn sie geben viel Sicherheit.

Danach lässt sich der Grat wieder genussvoll begehen.

Beim Gipfel des Blasenhubel muss ich aus Zeitgründen definitiv den Abstieg antreten – in drei Stunden wird es dunkel. Immer wieder überlege ich, noch einen weiteren Gipfel zu machen. Ich schaue immer wieder hinüber – sehr unschlüssig – Stirnlampe wäre ja dabei…

Nach langem Hin und Her siegt die Vernunft – abwärts Richtung Tal. Der Abstieg ist enorm steil; in Serpentinen geht es hinunter. Bis zum Brienzersee kann man hinuntersehen – dort muss ich hin. Selten bin ich so steiles Grasgelände abgestiegen. Nach gut 3 Stunden komme ich bei Nacht am Brienzersee an. Völlig kaputt nach dem harten Abstieg geht es mit dem Zug zurück nach Interlaken.

Schwierigkeiten:
Aufstieg Harder Kulm – Suggiture – Augstmatthorn: T3
Abstieg und Gegenanstiege Wytlouwihorn und Blasenhubel: T4
Abstieg Blasenhubel – Brienzersee: T3
Bemerkung:
Der Grat weist keine Kletterpassagen im engeren Sinne auf, ist aber über lange Strecken exponiert. Bei Nässe werden die erdigen Wegspuren sehr rutschig. Die Konzentrationsfähigkeit darf nicht unterschätzt werden – man bewegt sich lange Zeit in Gelände, das kaum Fehler verzeiht.
Zeiten:
Harder Kulm – Suggiture – Augstmatthorn: 4 Std.
Augstmatthorn – Wytlouwihorn – Blasenhubel: 1,5 Std.
Blasenhubel – Oberried am Brienzersee: 3 Std.
Höhenmeter:
Aufstieg: 1’220 hm
Abstieg: 1’950 hm